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Die Immobilienwirtschaft braucht endlich einen praxistauglichen ESG-Standard

17.08.2021
Dr. Konrad Jerusalem k.jerusalem@argentus-re.com
„Das vielversprechende ECORE-Scoringmodell ist im Entwurf fertig und wird derzeit in Deutschland einem Praxistest mit über 500 Immobilien unterzogen. Danach erfolgt ein Feintuning. Bis spätestens zum frühen Herbst sollen die Ergebnisse vorliegen.“
– Dr. Konrad Jerusalem
Es gibt mittlerweile eine Fülle an Ratings und Scoringmodellen, um die Nachhaltigkeit von Immobilienfonds oder Einzelobjekten zu messen. Doch hat sich keines dieser Model-le als alleiniger Standard etabliert, und viele Immobilienunternehmen setzen sicherheits-halber auf Doppel- oder Dreifachbewertungen durch verschiedene Anbieter. Dies ist ad-ministrativ und monetär eine unnötige Belastung. Zudem berücksichtigen gerade inter-nationale Modelle nicht immer die deutschen oder europäischen Besonderheiten. Hilf-reich wäre daher ein neuer, unabhängiger, breit akzeptierter ESG-Standard für die deut-sche und europäische Immobilienwirtschaft. Genau mit diesem Ziel hat ein Großteil der namhaften deutschen Asset Manager sich in der Initiative ECORE (ESG Circle of Real Estate) zusammengefunden. Der Kreis besteht gegenwärtig aus rund 80 Unternehmen, und immer mehr kommen hinzu. Koordinator ist Bell Management Consultants. Die Verbände ZIA und BVI begleiten den Kreis. Und ein erster ESG-Kriterienkatalog mit Erläuterungen zur Anwendung liegt tatsächlich bereits vor: Im Fokus steht der CO2-Verbrauch. Gilt Ökostrom beispielsweise immer als CO2-neutral oder nur unter bestimmten Voraussetzungen? Welche CO2-Belastung pro Kilo-wattstunde Graustrom wird angenommen? Je nach Quelle unterscheiden sich die be-rechneten CO2-Werte hier um bis zu rund 20 Prozent. Welche Quelle darf also zugrunde gelegt werden? Neben der Energieintensität wird im ECORE-Katalog auch die Wasser- und Abfallintensität betrachtet. Das vielversprechende ECORE-Scoringmodell ist im Entwurf fertig und wird derzeit in Deutschland einem Praxistest mit über 500 Immobilien unterzogen. Danach erfolgt ein Feintuning. Bis spätestens zum frühen Herbst sollen die Ergebnisse vorliegen. Eine Besonderheit bei ECORE: Um eine "Elfenbeinturm-Veranstaltung" zu vermeiden, sitzen neben den Immobilieneigentümern auch so genannte ESG Solution Partner mit am Tisch. Diese sind spezifische Dienstleister aus der Praxis, die sich in den unter-schiedlichen ESG-Feldern mit konkreten Lösungen und Maßnahmen auf Liegen-schaftsebene auskennen. Auch die Argentus ist ein solcher ESG Solution Partner. Die Mischung aus erfahrenen Nachhaltigkeitsmanagern auf Eigentümerseite einerseits und lösungsorientierten Dienstleistern andererseits soll dafür sorgen, dass die gewählten Kri-terien in Umfang und Anwendbarkeit möglichst praxistauglich bleiben. Braucht man tat-sächlich alle vorgeschlagenen Kriterien? Wo muss man zwischen den Asset Klassen unterscheiden? Weniger, aber dafür die richtigen Kriterien ermöglichen einen pragmati-schen, in der Breite der Branche akzeptierten Ansatz. Für die Nachhaltigkeitsbewertung mit dem neuen Standard gilt außerdem: Aus dem je-weiligen Ergebnis sollen sich die erforderlichen Maßnahmen und Dekarbonisierungs-pfade ableiten lassen, um die CO2-Bilanz kontinuierlich zu verbessern. Und die Zeit drängt, wenn wir unseren Kindern den Planeten Erde noch in einem erträglichen Zu-stand übergeben wollen.